Wie Suleicha den Jussuf (Heil über ihn) zum zweyten Male

Autor: Nur al-Din Abd Al-Rahman Jami
Übersetzung von: Ritter Vinzenz von Rosenzweig-Schwannau German flag
1824


Im Traume sieht, wie er die Kette ihrer Liebe schüttelt, und sie in des Wahnsinns Abgrund gezogen wird.

O selig jenes Herz, wo Liebe wohnt,
Das liebet sorglos um der Welten Lauf,
In ihm entzündet sich ein Blitzes-Strahl,
So der Geduld und Klugheit Garben sengt;

Des Heiles Sorge regt sich nicht in ihm,
Es däucht des Vorwurfs Berg ihm leichtes Stroh;
Ja, es gewöhnet so an Tadel sich,
Daß seine Liebe sich durch Schmähung mehrt.

Suleicha nahm nun gleich dem Monde ab;
Ein Jahr, – ihr Vollmond ward zum neuen Mond.
Des Neumonds blasser Sichel gleich gekrümmt,
Saß, blut’gen Augs, sie einst im Morgenroth,

Und sprach: Wie spielst du mir o Himmel! mit,
Sieh, es erblaßt schon meiner Sonne Glanz!
Du krümmtest meinen Wuchs, dem Bogen gleich,
Und machtest mich zum Ziel des Vorwurfspfeils;

Mein Leitband gabst du in des Starrkopfs Hand,
Von dem ich Wiederspenstigkeit nur sah!
Der Liebe Funken warf er in mein Herz,
Und zeigt sich kärglich mir in Träumen nur!

Genug daß ich ihn wachend missen muß;
Soll ich ihn auch im Schlafe nimmer schau’n?
Des wachen Glückes Zeichen ist der Traum,
In dem mir jener helle Mond erscheint.

Mein Auge ruht in keinem Schlummer mehr,
Ach! liehe doch mein Glück ihm seinen Schlaf!
O dann erwachte sicher noch mein Glück,
Und hold erschiene mir der Freund im Traum!

So ächzet sie durch einen Theil der Nacht,
Bis matt ihr Geist auf ihren Lippen schwebt;
Da überwältigt sie ein jäher Schlaf,
Doch mehr betäubt als schlafend sinkt sie hin.

Kaum nahm den zarten Leib ihr Lager auf,
Als schon ihr Seelenwunsch zur Thüre trat;
Dasselbe Bild das kürzlich sie gequält,
Trat ein mit Wangen heller als der Mond.

Auf diese schönen Wangen fällt ihr Blick;
Sie springt empor, wirft sich zu Füssen ihm,
Und küßt den Boden, sprechend: Rosenbaum!
Du bist’s, der mir Geduld und Ruhe stahl!

Bey jenem Gott, der dich aus Lichtglanz schuf,
Dich fern von allen Erdenmängeln hielt,
Der dir den Szepter aller Schönen gab,
Dich süßer schuf als selbst den Lebensborn;

Zur Seelengartens Rose deinen Wuchs,
Und deinen Mund zur Seelenkost erhob;
Der dein Gesicht mit Fackelglanz umgab,
Worin des Herzens Schmetterling verbrannt;

Die Moschuslocken dir zu Schlinge lieh,
Wo sich mein Herz in jedem Härchen fieng;
Sieh meinen Leib schon deiner Lende gleich,
Mein Herz so schmal als deines Mundes Mim!

Erbarme endlich meiner Seele dich!
Schließ’ auf den zuckerstreuenden Rubin,
Und sprich mit dem dir eig’nen Anmuthssinn,
Wer du wohl seyst, und welchem Stamm entblüht?

Du bist des Glanzes Perle, – doch woher?
Du bist Monarch, – doch wo ist dein Pallast? –
Und Jussuf sprach: Ich bin ein Menschenkind,
Geformt aus Wasser und aus Erdenstaub.

Sieh, du gestehest deine Liebe mir;
Wenn Wahrheit denn in deinen Worten liegt,
O so bewahre diese Treue mir;
Bewahre, Holde, dich mir unvermählt.

Kein Zahn berühre deinen Zuckermund,
Kein Demant stoße deine Perle durch!
Denn schmückt der Liebe Brandmaal gleich dein Herz
Durchflammet gleicher Trieb auch meine Brust,

Da auch mein Herz in deinen Fesseln liegt;
Auch mich bezeichnet deiner Liebe Maal. –
Kaum sieht Suleicha dieses Mitgefühl,
Vernimmt dies süße Wort aus seinem Mund,

Sieh, da berückt ein neuer Dämon sie,
Und Feuer fängt ihr Herzensschmetterling. –
Vom Nachtgesichte trunken steht sie auf,
Die Brust entflammt, das Herz in heller Gluth;

Stets mehrt sich noch ihr tiefer Seelengram,
Zum Himmel qualmet ihrer Seufzer Rauch.
Der Liebe Folter wird nun tausendfach,
Bald hat ihr Jammer keine Grenzen mehr.

Die Zügel des Verstands entfallen ihr,
Sie macht sich von des Rathes Fessel los,
Reißt mächtig stark an ihrer Seele Kleid,
Vergießt ihr purpurtulpenfarbes Blut,

Zerfleischt in Liebeswuth ihr Angesicht,
Und rauft das Haar sich aus dem Haupte aus. –
Rund um sie saßen ihre Sklavinnen,
Dem Hofe ähnlich, der den Mond umringt,

Die kleinste Lücke nur im Kreise, – sieh!
Dem Pfeile ähnlich wäre sie entwischt.
Sie hielten sie am Kleidersaume fest,
Denn sonst entschlüpfte ihr Cypressenwuchs;

Der Knospe gleich hielt man in Banden sie,
Sie flöh sonst rosennackt dem Markte zu. –
Suleicha’s Vater, als er dies vernahm,
Berieth mit seines Hofes Weisen sich.

Nachdem man alle Mittel überdacht,
Schien sie zu fesseln wohl das Klügste noch.
Und eine güld’ne Schlange wird gebracht,
Mit Perlen und Rubinen ausgeziert.

Die Schlange, perlenvoll, am Silberfuß,
Glich jener Schlange die beym Schatze wacht.
Fürwahr, Suleicha war ein Schönheitsschatz,
Und stets bewacht den Schatz die Schlange ja.

Kaum schläft die güld’ne Schlange unterm Saum,
Als schon Suleicha Perlen weint, und spricht:
In Liebesbanden liegt mein Herzensfuß,
Doch Bande sind’s, mir theurer als die Welt;

Der Himmel der so schnell das Leben kürzt,
Warum dann fesselt er noch meinen Fuß?
Schon lange mangelt ihm ja alle Kraft,
Kaum noch erträgt er mich auf meiner Bahn;

Was soll daher der schweren Ketten Last,
Was dieses Leidensschwert, das mich zerfleischt?
Wenn der Cypresse Fuß schon Wurzeln schlug,
Und die Bewegung ihm unmöglich scheint,

Was soll denn da des Gärtners Klugheit noch,
Der Wasserketten um den Fuß ihm führt?
Nein, jenem Räuber ziemt der Fesseln Last,
Der mir mein Herz und meine Sinne stahl.

Vergebens suchte, ach! mein Auge sich,
An seinen Tulpenwangen satt zu sehn!
Ein Blitzstrahl, zündend, schoß er mir vorbey,
Und Rauch entqualmte meinem Herzensbrand.

Ein holdes Lächeln meines Glückes nur, –
Und diese Ketten fesseln seinen Fuß;
Dann schau ich ihn, so lang es mir gefällt,
Und helles Licht wird meine schwarze Nacht.

Was sprach ich? Ihn den Zarten fesseln wohl?
Ihn, dem der Staub, der auf sein Füßchen fällt,
Ein Berg, der ihm die Seele drückt, erscheint?
Zu viel der Leiden wäre dies für mich!

Wann wünscht’ ich seiner Seele Lastendruck,
Wann seiner Silberwade Kettenschmerz?
Nein hundert Dolche treffen eh’ mein Herz,
Eh’ nur ein Dorn des Kleides Saum ihm ritzt.

Aus jenen liebenden Verwünschungen
Traf eine, däucht sie, das gemeinte Ziel.
Da sank sie hin auf die zerfleischte Brust,
Dem Vogel gleich, der hin zur Erde sinkt.

Im Wahnsinn faselt sie durch ein’ge Zeit,
Dann kehrt ihr wieder der Verstand zurück;
Doch bald von harter Liebespein gequält,
Stimmt sie von Neuem ihre Klagen an;

Vergießt bald Thränen, lacht bald überlaut,
Erblasset bald, und lebt bald wieder auf.
Ihr Zustand war ein stetes Wechseln nur,
In welchem sie ein volles Jahr verblieb.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 4 S. 173-178

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